Warum Dankbarkeit mit Ayahuasca gelernt werden kann
- 14. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Dankbarkeit - mehr als nur ein Gefühl
Ich stelle in meinen Retreats immer wieder fest, dass viele Menschen Mühe mit dem Dankbarsein haben.
Und ja – ich sage bewusst:
Dankbarsein.
Nicht nur kurz fühlen.
Denn zwischen einem flüchtigen Gefühl von Dankbarkeit und einem wirklichen inneren Dankbarkeitszustand liegen Welten.
Wir sind dankbar… und gleichzeitig auch nicht
Natürlich würden die meisten Menschen sagen, dass sie dankbar sind.
Dankbar, nicht in einem Kriegsgebiet zu leben.
Dankbar für genug Essen.
Dankbar für die Kinder.
Für sauberes Wasser.
Für ein Dach über dem Kopf.
Vielleicht sogar für Gesundheit.

Auf der Oberfläche findet fast jeder etwas, wofür er dankbar sein kann.
Und trotzdem passiert oft etwas anderes:
Wir fokussieren uns mit erstaunlicher Leidenschaft auf das, was fehlt.
Auf das, was nicht funktioniert.
Auf das, was anders sein sollte.
Besser. Leichter. Schneller. Mehr.
Wir vergleichen uns.
Wir bewerten.
Wir urteilen.
Ununterbrochen.
Der Chef sieht nicht, wie viel wir leisten.
Der Partner sagt zu selten „Danke“.
Das Leben läuft nicht so, wie wir es gerne hätten.
Andere haben mehr Erfolg, mehr Geld, mehr Glück.
Und egal, wie viel wir erreichen – irgendwie scheint es nie ganz zu reichen.
Kommt dir das bekannt vor?
Mangelbewusstsein – ein stiller Dauerzustand
Unser Bewusstsein ist oft stärker auf Mangel ausgerichtet als auf Fülle.
Diese Einstellung wirkt eher unbewusst, es ist wie ein inneres Grundrauschen.
Der Fokus liegt schnell auf dem, was fehlt, statt auf dem, was bereits da ist.
Und nein – das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen.
Es ist menschlich.
Aber es hat Auswirkungen.
Denn aus einem inneren Mangel heraus wird Dankbarkeit schwierig.
Im Mangel fühlt sich alles zu wenig und schwieriger an.
Zu wenig Liebe.
Zu wenig Anerkennung.
Zu wenig Sicherheit.
Zu wenig Erfolg.
In der Fülle hingegen entsteht Dankbarkeit von selbst.
Als Dankbarkeit unerreichbar war
Ich erinnere mich gut an eine depressive Phase in meinem Leben.
In dieser Zeit war Dankbarkeit für mich schlicht nicht erreichbar.
Nicht, weil ich nicht „gewusst“ hätte, für was ich eigentlich dankbar sein könnte.
Sondern weil innerlich alles dunkel, schwer und eng war.
Menschen, die nie wirklich depressive Zustände erlebt haben, unterschätzen oft, wie blockiert der Zugang zu Dankbarkeit dann sein kann.
Und genau das verstärkt das Leiden zusätzlich.
Denn wenn selbst die kleinen schönen Dinge innerlich nicht mehr ankommen, verliert das Leben an Farbe und Freude.
Rückblickend war diese Zeit unglaublich wichtig für mich.
Nicht weil sie angenehm war.
Sondern weil ich dadurch verstanden habe, dass Dankbarkeit kein oberflächliches „positiv Denken“ ist.
Sie ist etwas Tieferes. Sie ist ein Segen. Sie ist etwas Echtes und verbindet mich mit dem, was als "göttlich" , oder "Quelle" oder "mit etwas Höheren" bezeichnet wird.
Warum Dankbarkeit im Retreat anders erfahrbar wird
Während eines Ayahuasca-Retreats arbeiten wir intensiv mit Vergebung.
Und genau hier beginnt oft eine der grössten Herausforderungen.
Denn:
Vergebung ohne Dankbarkeit bleibt oft unvollständig.

Für schöne Dinge dankbar zu sein, ist relativ einfach.
Für Liebe.
Für Unterstützung.
Für Geschenke des Lebens.
Doch was ist mit den schmerzhaften Erfahrungen?
Wie soll man dankbar sein für Verletzungen?
Für Ablehnung?
Für Verrat?
Für Verlust?
Für Menschen, die einem weh getan haben?
Genau dort beginnt der schwierige Teil.
Und gleichzeitig oft auch die eigentliche Heilung.
Der Wendepunkt – dankbar für das Undankbare
Wer beginnt, dankbar zu sein, wofür er eigentlich nicht dankbar ist, hat bereits einen sehr tiefen inneren Prozess durchlaufen.
Denn plötzlich verändert sich die Perspektive.
In der Medizinarbeit – in einem erweiterten Bewusstseinszustand – entsteht manchmal ein Raum, in dem etwas sehr Klareres spürbar wird:
„Alles ist genau so, wie es ist - es könnte nicht anderes sein“
Nicht als spirituelles Konzept.
Sondern als direkte Erfahrung.
Und in diesem Moment kann sich etwas verschieben:
Du erkennst, dass auch die schmerzhaften Erfahrungen Teil deines Lebens sind. Sie nicht anzuerkennen und anzunehmen macht dich unvollständig und unfrei.
Undankbarkeit macht eng und hart – Dankbarkeit macht weit
Wenn wir dauerhaft im Widerstand bleiben, entsteht Enge.
Verbitterung.
Härte.
Feindbilder.
Wir halten innerlich fest an dem, was geschehen ist.
Und oft merken wir gar nicht, wie sehr uns genau das bindet.
Dankbarkeit hingegen öffnet.
Nicht naiv.
Nicht blind.
Sondern auf eine stille Weise.
Sie macht weit.
Und manchmal entsteht dadurch etwas sehr Befreiendes:
Die Vergangenheit verliert ihre Macht über uns.
Vergebung, die wirklich befreit
Nachtragend zu sein kostet unglaublich viel Energie.
Viele Menschen glauben, sie würden den anderen „bestrafen“, indem sie nicht vergeben. Doch meistens tragen sie die Last selbst weiter.
Wenn du dich in der Vergebungsarbeit irgendwann bei deinem „Widersacher“ bedanken kannst – nicht für den Schmerz selbst, sondern für das, was du dadurch lernen oder erkennen durftest – passiert oft etwas Entscheidendes:
Du wirst leichter.
Freier.
Du steigst aus der inneren Verstrickung aus.
Ein alter Satz bringt es sehr klar auf den Punkt:
„Was du deinem Nächsten antust, tust du dir selbst an.“
Und genau hier beginnt Eigenverantwortung.
Eine einfache Übung mit grosser Wirkung
Nimm dir eine Stunde Zeit
Setz dich hin.
Und schreibe zwei Listen.
erste Liste: Wofür bist du dankbar?
Und damit sind nicht nur die offensichtlichen Dinge gemeint.
Geh tiefer.
Wofür bist du wirklich dankbar?
Welche Menschen?
Welche Erfahrungen?
Welche Begegnungen?
Welche Fähigkeiten?
Welche Wendepunkte?
zweite Liste: Wofür bist du nicht dankbar?
Und hier braucht es Ehrlichkeit.
Radikale Ehrlichkeit.
Was hat dich verletzt?
Was empfindest du als unfair?
Wo trägst du noch Wut oder Widerstand in dir?
Für welche Erfahrungen, bist du nicht dankbar?
Gibt es Menschen in deinem Leben, für die du nicht dankbar bist?
Und dann frage dich:
Wie würde es sich anfühlen, auch dafür irgendwann dankbar sein zu können?
Nicht sofort.
Nicht künstlich.
Aber vielleicht eines Tages.
Ein Beispiel, das unter die Haut geht
Ich erinnere mich an eine Aussage von Natascha Kampusch.
Sie wurde als Kind entführt und über viele Jahre gefangen gehalten.
Sinngemäss sagte sie einmal, dass sie schon während ihrer Gefangenschaft wusste, dass sie ihrem Entführer irgendwann vergeben müsste.
Und dass sie dankbar sei, überlebt zu haben und innerlich nicht zerbrochen zu sein.
Lass das einen Moment wirken.
Denn genau hier zeigt sich, wie tief Dankbarkeit gehen kann.
Nicht oberflächlich.
Sondern existenziell.
Dankbarkeit als Zustand – nicht als Technik
Dankbarkeit ist mehr als eine Übung.
Mehr als ein Ritual am Morgen.
Mehr als eine Liste im Tagebuch.
Sie ist ein innerer Zustand.
Eine Ausrichtung.
Eine Art, auf das Leben zu schauen.
Und wenn Dankbarkeit zu einem festen Bestandteil deines Lebens wird, verändert sich oft etwas Grundlegendes:
Deine Wahrnehmung verändert sich.
Deine Energie verändert sich.
Dein Umgang mit Menschen verändert sich.
Und plötzlich wird das Leben innerlich leichter.
Nicht perfekt.
Aber weiter.
Dankbarkeit als Tor zur Heilung

Ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit ist die Entwicklung von Dankbarkeit.
Nicht als Konzept.
Sondern als gelebte Erfahrung.
In der Arbeit mit Ayahuasca begegnen wir nicht nur den schönen Seiten unseres Lebens. Sondern auch den schmerzhaften und herausfordernden Erfahrungen.
Und genau dort liegt oft ein enormes Potenzial für Heilung.
Durch Vergebungsarbeit kann ein Perspektivenwechsel entstehen:
Weg vom Widerstand.
Hin zu einem tieferen Verständnis des eigenen Weges.
Dankbarkeit entsteht dann nicht, weil plötzlich alles „gut“ war.
Sondern weil erkannt wird:
Alles war Teil des eigenen Wachstums.
Und genau das kann unglaublich befreiend sein.
Zum Schluss – ein ehrlicher Gedanke
Dankbarkeit bedeutet nicht, sich alles schönzureden.
Sie bedeutet auch nicht, Schmerz zu verdrängen oder schwierige Erfahrungen kleinzumachen.
Aber wenn du beginnst, Dankbarkeit wirklich zu leben, verändert sich etwas.
Still.
Tief.
Und oft kraftvoller, als man zuerst denkt.
Und vielleicht…
ist genau das einer der Gründe, warum wir diesen Weg überhaupt gehen.





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